Die Rache der Bergwelt

Wunderbare Bergwelt

Auf über 2200 Meter ist die Welt noch in Ordnung, Mungger (Murmeltiere) pfeifen, die Chance eine Gämse oder einen Steinbock zu sehen ist an gewissen Orten gegeben. Das Foto bietet den Blick auf ein Bergmassiv, bei dem ich einen erwachsenen Adler a) auf gleicher Höhe und b) luftlinienmässig etwa in 20 – 50 Meter Entfernung, einige Kreise ziehen sah, bevor er sich weiter kreisend wieder gemütlich entfernte. Davon existiert kein Foto, da ich überglücklich einfach dem Adler zuschaute und erst im Nachhinein mich an meine Kamera erinnerte.

Auf über 2200 Meter ist man noch nicht wirklich hoch und trotzdem hat man schon genügend Höhenmeter intus, zumindest wenn das Ausgangsziel im Flachen liegt. Und was am Ausgangspunkt des Bergausfluges noch so tönte wie “Ok, nötigenfalls können wir uns auch zurückbefördern lassen”, wich dem Ergeiz, die ersten 410 Höhenmeter garantiert schon unter die Füsse zu nehmen.

Es begann auch ziemlich harmlos und mit dem Blick auf die Sesselbahn, welche einen auch wieder hinunter getragen hätte. Doch schon nach wenigen Meter nach Beginn des Abstieges verschwand der Blick auf die Bergbahn und mit dem Blick wechselte auch der einigermassen ausgetretene Pfad in einen Trampelpfad, bei dem kein Schritt mehr regelmässig war und auch überlegt werden musste.

Es war ein Säumerweg – in alten Zeiten die “Alternativautobahn” von Luzern nach Domodossola, heute wiederbelebt. Alternierend mit der 1. Wahlstreckenführung findet seit ein paar Jahren im August wieder eine Säumerwoche statt, bei der maximal 50 Säumer die 5 Tagesetappen mit Maultier und Esel in Angriff nehmen. Der Säumerweg muss insofern noch von Bedeutung sein, dass man diesem Übergang sogar einen “Eselpfad” (eine stotzige, aber über 1 Meter breite Marschroute) gelegt hat. Dafür schickt man dann die Wanderer über Stock und Stein, wenig Stock aber viel Stein.

Schlussendlich hat aber der “gemütliche” Weg weder uns noch die Säumergruppe interessiert, welcher wir nach etwa einem Drittel des Abstieges begegneten. 5 Esel, traditionell beladen, ein in traditionellem Säumer-Outfit wandernder Leiter und etwa 10 Begleitpersonen kamen uns in ruhigem aber stetem Schritt entgegen. Ein Augenblick, den wir aus dem Gedanken “Nur billige Touris zücken hier die Kamera” nicht festhielten. Weiter ging es hinunter, wobei sich der Weg standhaft weigerte, harmonischer, sprich trittfreundlicher zu werden, ja die Herausforderungen nahmen sogar zu und es war ziemlich logisch, dass wir etwa über 100 Personen begegneten, die hochgingen, aber höchstens ein Dutzend Menschen vor und hinter uns den Abstieg machten. Janu – die letzten ca. 30 Höhenmeter gingen dann unterhalb der Felsen dem Hang entlang und boten “genug” Zeit zur Erholung, Enzian zu bewundern, Minifrösche (daumennagelgross) zu beobachten. Meine Begleitung hatte genügend Zeit um eine flugfaule Hummel makrotisch einzufangen, während ich eine Bergmaus beobachtete und versuchte, die vielen Munggerpfiffe zu lokalisieren.

Am Ende dieser ersten Erfahrung wartete ja ein Bergrestaurant, wo wir uns ein bisschen erholten und ich zugleich einen kapitalen Denkfehler begann. Mein Hirn löschte rund die Hälfte der verbleibenden Höhenmeter und interpretierte den restlichen (wesentlich längeren) Weg in einen mindestens von Alpfahrzeugen befahrbaren Weg. Waren doch die (Geh-)Wege zwischen den Alpgebäuden auch entsprechend breit und gut ausgebaut. Wir aber folgten dem Wanderwegweiser und der führte uns – bevor wir es überhaupt richtig realisierten auf diejenige Hangseite, welche dem gut ausgebauten aber stotzigen Fahrweg gegenüber lag. Mittlerweile war es auch etwa 17 Uhr – was mich nicht weiter störte, da ich vor dem Beginn der Wanderung mit einer Rückkehrzeit von 18 – 19 Uhr (mit Pausen und Gemütlichkeit) rechnete. Ich revidierte die geschätzte Rückkehrzeit auf 19+ Uhr und schon war die Welt halbwegs in Ordnung. Nur waren da ja 400 verlorene Höhenmeter, die sich aber deutlich im Weg niederschlugen und meine bereits übersäuerten Beine, die wie meine Knie schon gute 30 Jahre nicht die besten sind. So kam es, dass der Wanderweg wesentlich steiler und insbesondere auch wesentlich unharmonischer war, als erwartet. Immer im Blickfeld die steile, aber gut ausgebaute Fahrstrasse am (ziemlich weit entfernten) Gegenhang. So kam es, dass ich – hauptsächlich wegen den Knien öfters gezwungen war, Pausen einzulegen, was wiederum dazu führte dass sich die Muskeln jeweils nochmehr versteiften und beim Weiterlaufen eine gewisse Zeit brauchten, bis sie wieder halbwegs locker den nächsten Schritt in Angriff nahmen. So betrachtet war der intelligenteste Entscheid, etwa nach 3/4 der zweiten Halbetappe (und dort wo sich der Wanderweg dem weitausholenden Fahrweg auf etwa 100 Meter näherte) – auf den Fahrweg zu wechseln. Dies verlängerte zwar die Wanderung um vielleicht einen bis 1.5 Kilometer, aber man konnte zumindest “gehen”.  Einerseits war das eine Erholung, anderseits war ich schon lange über den Punkt hinaus, wo Erholung überhaupt noch möglich war – aber die Gefahr einer Knieausrenkung oder ähnlichem in felsig steinigem Gelände war (viel zu spät) gebannt.

Der Rest ist eigentlich schnell erzählt – dem Fahrweg folgend – und gewisse Bergwanderweg-Abkürzungen ignorierend – liessen sich auch die letzten 400 Höhenmeter bewältigen UND den (Galgen-)Humor hatten weder meine Begleitung noch ich auf dem ganzen Weg verloren. Möglicherweise war aber genau auch dies das einzig verbliebene Mittel, welches uns um 20 Uhr beim Auto ankommen liess.

Nachstehend ein paar “kluge” Sätze, die im Gebirge helfen können – wobei ich unumwunden zugeben muss, dass was wir gemacht haben einerseits leichtsinnig war, anderseits, hätte ich mich vorgängig oder auch noch während der Wanderung wirklich über die tatsächlichen Höhenmeter kundig gemacht – es wäre mit ziemlicher Sicherheit nicht soweit gekommen.

  • Holen Sie sich ein bisschen Kondition im Flachen.
  • Wählen Sie in den Bergen einen “Wanderweg” (oder suchen Sie sich Ziele, die einen Wanderweg haben) – der normale GELBE Wegweiser/Pfeil/Raute.
  • Der Bergwanderweg – gelber Wegweiser mit weiss-rot-weissem Pfeil – oder Weiss-Rot-Weiss-Markierung können gemütlich beginnen, führen aber per Definition teilweise durch unwegsames Gelände. Sie sind überwiegend steil und schmal angelegt und teilweise exponiert.
  • Verirren Sie sich nie auf einen Alpinwanderweg – blauer Wegweiser mit weiss-blau-weisser Pfeilspitze oder Weiss-Blau-Weiss-Markierung, ausser Sie sind Alpinist mit entsprechender Alpin-Ausrüstung.
  • 100 Meter bergwärts schonen Ihre Knie und Fussgelenke um ein Vielfaches, wie das Gleiche talwärts.
  • Schon die Säumer (wie wir sie auch gesehen haben) hatten einen Stock dabei. Wanderstöcke verbessern Ihre Kondition nicht, aber richtig eingesetzt sind sie eine riesige Hilfe im Gelände.
  • Fragen Sie an der Kasse oder eine(n) Bergbahnangestellte(n) – und wenn die nicht ehrlich genug sind um zu sagen “steil/stotzig/anspruchsvoll”, dann dürfte für einen Nichtberggänger auch die Aussage “es kommt halt sehr darauf an, wie berggängig Sie sind” ein Hinweis sein, dass es nicht jedermans Sache ist.
  • Machen Sie Bergwanderwege nicht alleine und nicht zu Zeiten, in denen sonst niemand unterwegs ist und immer mit dem richtigen (guten) Schuhwerk. Ausrutschen, Übertrampeln usw kann auch dem geübtesten Berggänger passieren.
  • Planen Sie so, dass einzelne Etappen nicht an die Grenzen Ihres Könnens gehen.
  • Nehmen Sie immer Flüssigkeit (Wasser) mit und z.B. Traubenzucker.
  • Bedenken Sie, dass auch bei strahlend blauem Himmel beim Start das Wetter umschlagen kann, je nach Ort sogar ziemlich schnell, ein Regen- und/oder Kälteschutz sollte immer dabei sein. Insbesondere im Herbst können Abende und Nächte auf 2000 müM empfindlich abkühlen, Temperaturen um die 0°C sind eher Norm, wie Ausnahme.

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