Einmal Ticino und zurück

Screenshot: moonandstarslocarno.ch

Einen riesigen Dank gilt ja dem Murmeltier, welches die Tickets für das “Moon & Stars” Konzert vom Dienstag organisiert hat. “Meine” Rockröhre Gianna Nannini und der nicht minder rockige Joe Cocker boten ein Musikerlebnis der besonderen Klasse. Aber einmal von Beginn weg.

Die Besteigung des Gotthardpasses war ein “Must”, da meine Partnerin den Gotthard-Tunnelbauern nicht wirklich vertraut und ohne K.O.-Schlag sich standhaft weigert, die Direttissima in den Süden zu nehmen. Auch nicht schlecht – war doch der Pass kaum befahren und hätte ich gewusst, was mich im Tessin erwartet – ich hätte den Kofferraum noch mit Schnee vollgepackt. Aufziehende Wolken, eine Luftfeuchtigkeit von (mindestens) 150% und dazu Temperaturen um die 30 Grad liessen uns schnell das Hotel in Arcegno beziehen, um dann schnell in die Höhe zu klettern – das Verzascatal versprach ein bisschen Luft. Und die riesige Staumauer und ein halbgefüllten Stausee. Zum Glück (für mich) waren die Jumper nicht anwesend – meine Fotografin hätte sich wohl stundenlang über die Abschrankung gebeugt – was meinem Wohlbefinden nicht gerade zuträglich war. Dafür kurvte ein Brite mit seinem (wohl neuerstandenen) Sportwagen die Serpentinen hoch und runter – extra Bodenhaftung muss für einzelne Männer wohl extrem faszinierend sein. Eine kleine Enttäuschung war das Grotto im Tal – aber dafür darf man folgende Grundregel wieder einmal in Erinnerung rufen: Je mehr Deutsch an einem Grotto angeschrieben ist, desto weniger “autentico”.

Dies gilt in ähnlicher Weise für die Falconeria in Locarno. Seit unserem Schottland-Aufenthalt und der “Birds of Prey” Darbietung, die ein Schlossfalkner uns bot, liegt die Latte zugegebenerweise hoch – sehr hoch. Item, schön anmutig und auch beeindruckend sind die Raubvögel auch in der Falconeria Locarno. Ein bisschen zerzaust sahen die gestutzen Federn aus und die Darbietung war für Erwachsene und Kinder – die noch nie Raubvögel aus der Nähe sahen – sicherlich ein Erlebnis. Ein bisschen mehr “autentico” für die Raubvögel als “nur” das Fliegen über die Zuschauerköpfe wäre wohl wünschenswert gewesen.  Womit wir uns schon bald stärken mussten für den abendlichen Musikgenuss. Und hier überraschte das von uns gewählte Hotel mit einem “Tessinerplättli”, dass Rapelli auch in 100 Jahren nicht zustande bringt. Das Fleisch stammte meiner Meinung nach von der letzten Metzgerei, die mit Garantie “autentico” war. Ein Essgenuss der besonderen Art. Ach ja – auf der geschützten Terrasse erlebten wir den ersten Wolkenbruch, Baby-Eidechsen und allerlei Geflügeltes und… ganz angenehme Temperaturen. Also ging auch ich beruhigt Richtung Piazza Grande. Ich wiegte mich in falscher Sicherheit. Als wir die Autotüren in Locarno öffneten, war das “Feeling” in etwa so, wie wenn man in einen sprudelnden Dampfkochtopf springen würde – welch ein Unterschied zu der nur wenige Minuten zuvor erlebten “angenehmen” Temperatur.

Das Konzert war grossartig, die Stimmung toll – für einen kurzen Augenblick noch wünschte ich mir, dass die grossen Leuchten über dem Piazza Grande überdimensionierte Luftpropeller gewesen wären – bis auch ich von der Musik hin und weg war. Viel zu schnell war es 23.30 Uhr (Zeitpunkt an dem die Konzerte enden müssen). Moon & Stars, definitv “autentico”.

Morgens kurz nach 7 Uhr war ich wieder wach und machte mich bereit für eine kurze Fotosafari – genau zu diesem Zeitpunkt war es auch das letzte Mal, dass die Sonne noch zwei, drei Strahlen auf den Erdboden schickte – als ich

Zwei Damen

die Kamera bereit hatte, begann es auch schon zu regnen. So verlegte ich mich wieder auf die gemütliche Hotelterrasse und gönnte mir dampfenden Kaffee. Geregnet hat es dann auch noch eine Stunde später zum Frühstück und ein paar Stunden später in Luino (unser nächstes Ziel – da die Berghänge in einem Gemisch von Wolken und Nebel nicht sichtbar waren). Dummerweise waren wir bei weitem nicht die einzigen, die von der Euro-Schwäche profitieren wollten und der konstante Regen animierte zur Weiterreise nach Lugano, respektive nach Melide. Swiss-Miniature haben wir vielleicht vor 100 Jahren einmal besucht – eine Auffrischung des Gezeigten war angebracht und das Wetter war schwül – ordentlich schwül aber zumindest trocken. Ok, bis wir uns via Zermatt, Maiensäss und Heididorf zu Ausstellungsobjekt 89 durchgeschaut haben. Dann kam auch in Melide der grosse Regen – dick und schwer und unser Regenschirm war (natürlich) ganz am anderen Ende und von dort noch weiter im Auto auf dem Parkplatz… Aber wenn man schon mal Schwimmhäute hat (und mittlerweile etwa die 4. oder 5. Garnitur Kleider regen- oder schweissnass) nutzt man das erste Nachlassen des Regens um auch die weiteren Exponate mit der gebührenden Aufmerksamkeit zu bestaunen. Was uns dabei aufgefallen ist, ist, dass es in der Romandie noch unzählige Burgen, Schlösser oder Kirchen gibt, die man besuchen müsste.

Gut gewässert und ohne zusätzliche Kleider entschieden wir, unsere Zusatznacht im Ticino sausen zu lassen und den Weg Richtung Deutschschweiz wieder anzutreten – was uns zumindest ab cirka Bellinzona das wunderbare Spektakel der unzähligen Wasserfälle mit ihren riesigen Wassermassen bot – der Regen mag der Sonnenstube der Schweiz nicht wirklich gut stehen – aber die tosenden Wassermassen entlang der linken Leventinaseite waren dann doch eine Entschädigung für Entgangenes.

In diesem Zusammenhang interessant ist, dass zusätzlich zu uns 6 Kilometer mehr Autos und Lastwagen durch den Gotthardtunnel wollten (wir ja nicht, wir wollten über den Pass). Immerhin durften wir damit das Phänomen Gotthardstau radiotechnisch auskosten. Die 6 Kilometer Stau im Süden wurden nämlich als etwa 1.5 Stunden Wartezeit; die 3 Kilometer im Norden als “nicht ganz eine Stunde” gemeldet. Was, wie Hinz und Kunz weiss, in etwa dem Gotthard-Staugesetz 4 km=1 Stunde entspricht. Hört man allerdings an den Wochenenden die Staumeldungen, dann wird diese Regel seit diesem Jahr komplett über den Haufen geworfen – dann entsprechen 8 km Stau einer Stunde Wartezeit. (Unter der Woche geht es dann allerdings wieder zurück zur altbewährten Stauregel). Obwohl ich einmal LKWs die Schuld gab, die Zeit so zu beeinflussen, bin ich noch nicht hinter das Geheimnis der verdoppelten “Geschwindigkeit” gestossen.

Eine weitere Erkenntnis bot der Gotthardpass zudem – obwohl es auch auf der Nordseite des Gotthards regnete, war die Luft fast schlagartig nur noch halb so nass.

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