Logischerweise besucht man heute irgendwo eine 1. August-Feier und gibt sich so schweizerisch wie möglich. Vielleicht besucht man auch keine 1. August – Feier und benimmt sich ganz weltmännisch, oder schämt sich der eigenen Identität.
Da haben es die gut, die irgendwo im Ausland in den Ferien weilen. Die dürfen dann ein paar Gedanken verschwenden, was sie wohl zuhause gemacht hätten, wären sie denn zu Hause.
Wenn man die Schweiz so betrachtet, sieht man ganz viele Menschen, die möglichst kleinlich darauf bedacht sind, nur nicht aufzufallen. Sozusagen heimliche SchweizerInnen zu sein. Man ist “ein bisschen Schweizer”, so ab der zehnten Reihe freut man sich ein bisschen mit, oder leidet gelegentlich auch mal – ein bisschen. Hauptsache nicht auffallen.
Nein, ich beanspruche kein “Ballenberg”, wehre mich auch vehement gegen die Ansichten einer gewissen Partei, aus der Schweiz ein grosses Heidiland zu machen, mit möglichst hohen Mauern um das Hoheitsgebiet herum und Gesichtskontrolle bei der Einreise. Man kann durchaus weltoffen sein und trotzdem Schweizer bleiben.
Aber – und dies scheint eine schleichende Volksseuche zu sein, die schon viel zu viele Menschen erfasst hat – wir können nicht locker sein. Wir sind immer ein bisschen verklemmt und bevor uns ein Lächeln über das Gesicht huscht, suchen wir nach dem Haar in der Suppe, über das wir Mäkeln können, respektive uns einen Grund gibt, unsere Freude soweit zu dämpfen, dass wir garantiert nicht auffallen.
Schweiz ja – aber darüber reden, oder sich freuen oder einfach einmal geniessen – nein, danke. Nur nicht auffallen. “S’Vogel-Liesi chunnt vo Adelbode här” könnte ja frauenfeindlich sein und “Vo Luzärn gäge Wäggis zue, da treit mer weder Strümpf no Schueh” tönt so abgedroschen, dass wir auf keinen Fall mitsingen würden. Ja gut, für das haben wir die Ewig-Gestrigen, irgend ein abgehalfterter Männerchor darf das schon singen und am Ende des Vortrages klatschen wir gemässigt mit unseren Händen – aber so ohne Vorbehalte einfach mitsingen oder wirklich mitfeiern – nein, danke.
Ja, wir lassen uns noch gerne “unterhalten”. Etwas zu sehen gibt es immer und schliesslich möchte man ja auch gesehen werden. Man könnte fast sagen, wir sind die besten Besucher unseres eigenen “Heidilandes”. Solange uns etwas geboten wird, können wir uns dazu bequemen, daran teilzunehmen.
Aber wir finden immer etwas, worüber wir uns ärgern können. Sei es der Abfall, der überall rumliegt und zu dem sich unser Wurstpapier auch gleich gesellen wird. Wir ärgern uns und laufen brav mit. Nur nicht auffallen. Oder das Anstossen. Lieber einen ganzen Abend lang jedem und jeder anstossen, wie einfach einmal einen Trinkspruch fallen lassen und das Glas zur Lippe zu führen. Wir wollen ja nicht auffallen und trotzdem mitten drin sein.
Für die Unterhaltung, das Korrigieren, das Erziehen und das Organisieren, wir finden immer jemanden, der noch blöd genug ist, dies für uns zu machen – wir verstecken uns lieber in der Masse. Nur nicht auffallen. Selber denken und handeln? Natürlich, solange wir uns damit gut in die breite Masse der Gedankenlosen einfügen können. Passt schon.
Trotzdem – ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, denn hin und wieder erlebe ich es, dass es Menschen gibt, die nicht gesichts- und identitätslos sich in der Masse verstecken. Von dort aus beobachten und immer nur die kleineren und grösseren Fehler sehen. Nein, es gibt sie noch, die Menschen, die wissen, dass nichts perfekt ist, nicht die Schweiz, nicht unser Wohnort, nicht einmal unsere weitere und nähere Umgebung. Auch wir selbst nicht. Und ärgern sich diese Menschen über ihre ureigensten Unzulänglichkeiten? Oder über gewisse Konzessionen, die man immer und überall machen muss, wenn mehr als eine Person betroffen ist?
Nein, denn mit dem Wissen der eigenen Unvollkommenheit kommt auch das Verständnis und die Toleranz für andere Ansichten und Menschen. Und plötzlich sind sind wir nicht mehr nur Zuschauer, sondern mittendrin und aktiver Teilnehmer. Wenn wir also irgendwann in der Zukunft plötzlich wieder etwas selber in die Hand nehmen anstatt unendlich lange jemanden zu suchen, der dies für uns erledigt, vergessen wir auch nach den Fehlern anderer zu suchen, weil wir wieder lernen, mit unseren ureigensten Schwächen umzugehen.
Und genau dann sind wir wieder ein Teil der aktiven Schweiz und nicht nur Zuschauer und Opportunisten im eigenen Land.
Ach ja – wer diesen Artikel bis hierhin gelesen hat – der hat sich eine Dispens für sämtliche 1. August – Feiern verdient und mag es wohl bei einer Cervelat vom Grill belassen.
En schöne 1. Auguscht.


