Gratuliere, Du hast es geschafft, praktisch keine Zeitung die heute nicht Dein ganzseitiges Inserat abdruckt, welches Dir von der Parteileitung ermöglicht wurde (ich denke ja mal nicht, dass man als “Bauer” soviel Subventionen erhält, um sowas zu finanzieren).
Ach ja, was Du da uns Schweizer Bürgern und Schweizer Bürgerinnen geschrieben hast, wird wohl keine grossen Wellen werfen. Man merkt auch, dass Du keine Schlagworte setzen kannst, denn kurz zusammengefasst hätte man auch schreiben können:
Ich und die SVP sind gegen alles, was Zottel (gibt es den noch?) in seiner grasenden Ruhe stören könnte. Ihr Toni Brunner
Fast erhält man auch den Eindruck, dass die Schweiz, seit ihrer Gründung 1291 (Uri, Schwyz und Unterwalden) in friedlicher Minne abgeschottet und im Wohlstand ihre Goldbarren geäufnet hat und Tag für Tag reicher wurde. Einzig und alleine weil der Bauer seine Scholle liebevoll behandelte und so sein Korn immer wertvoller wurde. Prosaisch wird ein Bild gezeichnet von Harmonie und Beständigkeit, welches lieblicher und familienbewusster nicht hätte sein können. Bis fast zum heutigen Tag. Vergessen sind Brandschatzungen, Raubzüge, Reformationskriege, Seuchen und Hungersnöte. Unbeachtet bleiben in Deinen Elogien auf die Schweiz die Burgherren, die fremden Vögte, weltliche und kirchliche Obrigkeiten. Und ganz vergessen hast Du, dass es seit dem Jahre 1291 ganz viele, viele, viele fortschrittliche Mannen* brauchte, um die Schweiz zu dem zu machen, was sie heute ist. Mannen*, die konstruktiv an die Zukunft des Landes glaubten, die Erweiterungen, Erneuerungen, Änderungen, Beweglichkeit und Weitsicht im Blut hatten. Mannen*, die daran glaubten, dass das was sie auf die Beine stellen (wollen), ihren Kinder und Kindeskindern zum Wohl gereicht. Es waren mutige Mannen*, die nicht sagen konnten, was nach ihrem Tod geschehen wird – aber sie waren alle davon beseelt, ihr “Heimet” und ihre Heimat einen Schritt weiter zu bringen.
Lieber Toni und liebe Heimatschützer der SVP, denkst Du wirklich, dass die “Ewignörgeler”, die “Früherwarallesbesser-Wisser”, die “Nurkeineänderung-Anbeter” und die “Meinekuh-meineigen-Verbohrten” aus den 3 Ständen von 1291 die heutigen 23 Stände erschaffen haben? Denkst Du, dass diese Menschen einen Staat geschaffen haben, der durch seine Verfassung versucht (ja, versucht) Allen gerecht zu werden. Versucht allen die gleichen Chancen zu geben. Versucht, das Eigentum des Einzelnen, wie auch das Eigentum der Anderen, das Gemeinwohl und die Interessen des Staates unter einen Hut zu bringen.
Nein, lieber Toni, soviel Intelligenz gestehe ich sogar Dir zu, dass es dazu Mannen* brauchte, die nicht nur ihre eigenen Interesse in den Vordergrund stellten, es brauchte dazu Mannen*, die bereit waren, an einen Tisch zu sitzen, miteinander zu reden, zu verhandeln, zu fordern, nachzugeben, in die Hosen zu steigen. Es brauchte dazu Schweizer*, die über ihre Nasenspitze hinausschauten, die vorwärts schauten, die konsensfähig waren und es brauchte vorallem diejenigen, welche in die Zukunft schauten – ohne Garantien – daran glaubten, dass die Zukunft Neuerungen bringt, welche man besser jetzt angeht, wie zu spät.
Lieber Toni Brunner, glaubst Du, es würde einen Weg über den Gotthard geben, wenn beim ersten Toten in der wilden Schöllenschlucht einfach eine Mauer gebaut worden wäre? Glaubst Du, man hätte die steilste Zahnradbahn, die steilste Standseilbahn, den längsten Eisenbahntunnel der Welt, wenn ein paar Mannen am Stammtisch entschieden hätten, dass Neuerungen alles “Mumpiz” seien? Denkst Du wirklich, dass unsere Uhren, unsere Präzision, Industriezweige (und nebenbei dein Parteikollege Peter Spuhler) so erfolgreich sind, weil sie nicht über die Grenzen schauten und kein fremdes Wissen zuliessen. Glaubst Du ehrlich, dass Alles und immer sämtliche Sachen nur auf dem eigenen Mist gewachsen sind (wachsen).
Übrigens, wenn Du das Bankgeheimnis mit allen Mitteln verteidigst und als unser hochheiligstes Kulturgut bewahrst. Wem nützt eigentlich das Bankgeheimnis? Ist es nicht so, dass eigentlich nur, wer nicht ehrlich ist, vom Bankgeheimnis profitiert?
Ich weiss, Du weisst es besser, ich weiss auch, dass Du zumindest vor einigen Jahren noch ein kleiner “Zampano” warst – gerne provokativ warst. Als Frischling im Nationalrat, mit dem Sunnyboylächeln und dem Schalk in den Augen, der mit seinem Lächeln mehr leistete als mit Taten. Heute bist Du Parteipräsident und solltest eigentlich vorwärts schauen, Deinem (politischen) Gegner fast besser zuhören als Deinen Einflüsterern Gefolgsleuten und vorallem sollten Dir mittlerweile die Grundsätze der Demokratie, das Gemeinsame, das Zusammen, das Vorwärts- statt Rückwärtsdenken intus sein. Mut, Innovation, Visionen, Weltoffenheit und Respekt haben die Schweiz zu dem gemacht, was die Schweiz ist. So haben wir Streit, Seuchen, Krisen, Kriege, Rückschläge und politische Wirren überstanden. Die Schweiz zu Gotthelfs Zeiten war damals sicher keine schlechte Zeit, aber Gotthelfs Zeiten heute, unmöglich.
*Mannen – sollte nicht despektierlich gegenüber Frauen sein und sonst hilft dieser abgedroschene Satz: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau.
Die “Du”-Form ist übrigens kein Affront gegenüber Toni Brunner – bei einem Bier haben wir uns vor langer Zeit aufs “Du” geeinigt.
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