Eigentlich sollte es ja “Liebe Tamedia AG” heissen, denn Du bist ja ein Multi-Kulti Unternehmen mit Gratiszeitung, Radio und Fernsehen, ganz vielen sonstigen Zeitungen und soviel ich weiss auch Druckerei(en). Trotzdem, ich sage einfach Tagi – so habe ich Dich vor vielen Jahren kennengelernt.
Also, Du spürst so vieles, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise, die Abnahme im Inseratenmarkt, die “Unlust” auf Papier zu lesendes zu konsumieren und du spürst auch Deine ureigenste Übermacht im Schweizer Pressemarkt. (An vielen Orten könntest Du Dich höchstens selbst konkurrieren).
Du baust Stellen ab – so gesehen ganz viele Stellen – auch wenn es “nur” über 50 Stellen sind. Dies ist aber rund einen Viertel Deines Redaktionsteams. Du nimmst Deiner Zeitung den fünften Bund zwecks Kosteneinsparung. Und Du glaubst, dass Du damit Deine Auflage zumindest halten kannst, wenn nicht sogar ausbaust.
Ehrlich gesagt, kommt das mir so vor, wie wenn ich von meinem Autobauer bei meinem neuen Auto keine Rücksitze mehr hätte und er “nur” noch ein Modell produzieren würde. Die Rücksitze brauche ich zwar auch nicht – aber ohne die wäre mein Auto nicht mehr “vollständig” – es fehlt etwas, das Gesamtbild wäre futsch und ich schätze es, wenn ich eine Auswahl habe – vergleichen kann.
So gesehen, habe ich bereits heute ein “Problem”. Ich lese den Tagi als Tagi, Den Bund als Tagi, die BZ als Tagi, die Basler Zeitung und auch die Thurgauer Zeitung. Nur noch Tagi. Und weisst Du was das schlimmste ist? Wenn ich Dein Gratisblatt “20 Minuten” lese, habe ich auch irgendwie das Gefühl, den Tagi zu lesen.
Merkst Du etwas? Es kommt mir vor, als sei Deine Zeitung ein Einheitsbrei geworden. (Natürlich gibt es noch so einiges “Besseres” im Tagi – aber es wird immer weniger.) Man könnte sich schon fast darauf beschränken, nur noch Nachrichten zu hören und wäre fast genau so gut informiert.
Weisst Du, was in der Schweiz das beste Indiz ist für 08-15 Einheitsbrei? Wenn sich die SVP-”Rüefi” ärgern über “Linke Presse”, “SP-Parteiblatt” und “Sozi-Geschreibe”. Für die ist nämlich alles neben Rechts(radikal) sofort Sozialismus und Linke Propaganda. Noch vor wenigen Jahren hätten aber genau diese “Leser” dem Tagi abgeschworen, wie der Teufel dem Weihwasser. Der Tagi war anspruchsvoll, man musste sich mit dem Geschriebenen auseinandersetzen und man hatte einen Informationsvorteil. Der “Rüefi” war an Dir gar nicht interessiert, weil er zu “aufgeklärt” wurde. (Dieses Segment deckte einmal der “Blick” ab, die Schlagzeilenleser, Kurzinfo-meinungs-schreier und Stammtischpolitiker). Von der intellektuelleren Seite wird Dir genau dies heute vorgeworfen. Stammtischpolitik, Schlagzeilengeschreibsel usw…
Noch vor Jahren hätte es keinen “Fall Näf” gegeben, das Dossier “Bono” wäre fundiert gewesen, der “Melander” wäre möglicherweise von seinem ursprünglichen Erfinder dokumentiert worden, Bundesratsbashing ein Unwort, Blocher wäre in den Senkel gestellt worden, usw. – Du hättest Deinen Redaktoren/Journalisten einen Auftrag erteilt, über etwas zu schreiben und Du hättest solange auf Deine Redaktoren/Journalisten eingeprügelt, bis sie alle Fakten zusammen getragen hätten, bis der Artikel “hieb- und stichfest” gewesen wäre. Heute setzen sie sich an die “Gerüchtebörse” – schreiben erst einmal eine fette Schlagzeile und einen Artikel mit ganz viel Luft und warten die Entwicklung ab. Schreien ein paar, bohrt man weiter und verkündet Tage später, dass man einen “Primeur” an die Luft gezerrt hat(te) – schreit keiner, ist es morgen schon kein Thema mehr. Heute hast Du lesekonforme 5-Minutenartikel, Agenturmeldungen, eine “politisch korrekte” Durchschnittszusammenfassung. Wieso soll also ein 5-Minuten-Leser (oder Leserin) bald einmal knapp 400.– aufwerfen für ein Abo, wenn dies ebensogut mit dem Gratisblatt “20 Minuten” in knapperen Worten aber “gleich” abgehandelt wird?
Würdest Du die 50 RedaktionsmitarbeiterInnen wieder mit 50 “pickelharten” Journalisten mit Ecken und Kanten, mit Artikelschreiber, mit engagierten (nicht, dass sich die jetzt nicht engagieren – aber leider mit dem falschen “Leitbild”) Menschen besetzen, mit solchen die vielleicht einmal einen Tag mehr haben, um einen Artikel zu recherchieren, dafür aber fundiert und mit Fakten, ja, dann könnte man ja noch versuchen zu verstehen, was da passiert – aber nein, Du bist der Meinung, dass Du Deine Qualität mit einem Viertel weniger RedaktionsmitarbeiterInnen halten, wenn nicht sogar steigern kannst. Wie soll das gehen?
Vielleicht hat dies aber auch alles einen ganz anderen Grund und Du willst Dich gar nicht an der Qualität messen (lassen). Vielleicht bedeutet Dir fundierter Journalismus gar nichts mehr, vielleicht bist Du genau dort gelandet, wo viele Wirtschaftsunternehmen vor Jahren gelandet sind, nämlich beim schnöden Mammon, dem Shareholder Value, der Gewinnoptimierung, der “HSG”-(Theorie)-Betriebsablaufstraffung, dem Wunsch aus immer weniger immer mehr rauszuquetschen. Vielleicht kannst Du aber selbst die heutigen Marktgeschehnisse nicht richtig deuten. Über Jahre hast Du nun gesehen, wie Unternehmen fusioniert haben, Synergien gesucht haben, optimiert, rationalisiert haben. Betriebs- und Produktionsstätten wurden zentralisiert, zusammengelegt und aufgehoben, Gewinne wurden “künstlich” erwirtschaftet. Den meisten dieser Unternehmen ist eines gemeinsam – die wenigsten Fusionen und Optimierungen haben sich langfristig ausbezahlt, langfristig wurde wieder dezentralisiert, aufgespaltet, abgetrennt, die Unternehmen wieder ausgegliedert. Und während die Grossunternehmen immer schwerfälliger wurden und dadurch auch viel anfälliger auf Veränderungen, entstanden in dieser Globalisierung wieder Nischenplayer. Natürlich bist Du weit entfernt von einem globalen Unternehmen, lieber Tagi, aber vielleicht gibt es für Deine Mutter (Tamedia AG) in ein paar Jahren genau die gleiche Entwicklung, wie für viele Banken, Autofirmen, Fluggesellschaften und Industriekonzerne. Das Kartenhaus fällt zusammen – die Überoptimierung fordert ihren Tribut und man steht vor dem Nichts. Vielleicht wachsen aus den Ruinen wieder neue journalistische Erzeugnisse, kleinere Unternehmen, mit ehrgeizigen MitarbeiterInnen und Chefs, die sich mehr ihrer Arbeit verpflichtet fühlen, wie Renditen – aber sich durchaus im Rahmen der Wirtschaftlichkeit bewegen. Nur, wieso musst Du es allen anderen gleich machen?
Übrigens, und dies als Angebot zur Versöhnung nach dieser Standpauke, obwohl ich bei “Zeitung” wahrscheinlich bis zu meinem bitteren Lebensende an Papier und Druckerzeugnisse denken werde und die tägliche Information gedruckt konsumieren werde, Du stellst Deine Informationen (noch) für jederman ins Internet – und das hat mir auch schon geholfen, indem ich etwas “nachlesen” konnte, oder um Mitternacht ohne Papiergeraschel “Nachrichten” lesen konnte – das finde ich toll.
Dein Tagi-Leser
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